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< BACK TO TEXT Sirenen-Brief von Constantin Rauer Liebe Freya Hattenberger, wir hatten uns bei der Vernissage zur Ausstellung "Recently seen and admired" in Berlin kurz unterhalten, und ich habe mir dann Ihr Video Sirene angesehen. Da ich nicht mehr dazu kam, mich zu Ihrem Video zu äußern, möchte ich hier kurz über die Aesthesis berichten – also wie der Film in meiner Wahrnehmung auf mich gewirkt hat. Ich bin also dann die Treppe in den Raum, in dem die Videoarbeit lief, heruntergegangen; unten war außer mir niemand, so dass ich Sofa, Raum und Leinwand für mich hatte. Komfortabel eingerichtet, begann ich also mir anzusehen, was ich da sah – bzw. wurde ich, noch bevor ich etwas sah, umgehend von dem bereits laufenden Film ergriffen: Es schien da etwas Kräftiges vorzugehen, ohne, dass man sogleich begriffen hätte, was. Da ich mitten in die Veranstaltung reinplatzte, habe ich von dem Titel erst hinterher erfahren. Meine erste Reaktion war ein Schmunzeln (bei dem ich mich selbst ertappte); denn die Idee, die hier zum Ausdruck gebracht wird, ist sicherlich schon jedem Mal durch den Kopf gegangen (insbesondere, wenn man an so mach Sängerin denkt, die sich an ihrem Mirkophon ergötzt). Erstaunlich fand ich dann, dass diese Idee – die doch auf der Hand liegt – bislang noch nie explizit gezeigt wurde; obgleich unsere Medien sich ansonsten für keine Vulgarität zu schade sind, wird diese Assoziation – von der Langnese Werbung bis hin zu Stephan Raab – eben gerade nicht bemüht … und zwar nie verwendet, was darauf schließen lässt, dass wir es hier mit einem höchst besetzten Tabu zu tun haben. Aufgrund meiner neuesten Recherchen kann ich auch gleich sagen, welches: Es war nämlich die ersten 30.000 Jahre Repräsentationsgeschichte ein absolutes Tabu, menschliche Gesichter überhaupt darzustellen (männliche wie weibliche). Bei der Venus von Willendorf (um 20.000 vor heute) etwa, verdeckt die Haartracht das gesamte Gesicht! Seit Menschengedenken ist daher das Gesicht, das am meisten erotisch aufgeladene Bild – und damit das am meisten tabuisierte; siehe Verschleierung und Masken, die die gesamte Repräsentationsgeschichte (des weiblichen Gesichtes insbesondere) durchziehen. -- Ergo geht einem irgendwann beim weiteren Sehen Ihres Films unfreiwillig durch den Kopf: Ganz schön mutig die Frau! Auf den zweiten Blick wird man gezwungen – über das Schmunzeln der ersten Abwehr hinaus – sich mit dem Video ernsthafter auseinander zu setzten. Es fällt auf, dass man von einer extremen Obszönität in den Bann gezogen wird, und zwar auf sehr subtile Weise. Die Obszönität ergibt sich aus der Entschleierung, wenn ich so sagen darf: des Mikrophon-Mythos, so wie alle schockierenden Bilder von einer Nacktheit zeugen, wobei das nackte Gesicht, die radikalste Entschleierung darstellt. Eigentlich ist das Gesicht der Darstellerin nicht völlig nackt, sondern geschminkt (d.h. maskiert), die offenen Haare vermitteln jedoch den Eindruck einer Entblößung, die irritierend wirkt: Man ist sich nicht sicher, ob man sich hier in einem privaten oder in einem öffentlichen Raum befindet. Anbei bemerkt, ist mir mitgeteilt worden, dass Ihr Film bei einigen anwesenden Besucherinnen auf Unverständnis gestoßen sei – was nicht verwundert, denn Ihr Film steht quer zur gesamten Schleierdebatte. Nehmen Sie künstlerische Arbeiten, wie beispielsweise Kollagen im alten Stil, welche noch in einer traditionellen Weise zu entschleiern versuchen; so wie man einst bei uns noch entschleiert hat, bevor die Entschleierung entschleiert wurde. Eine solche Entschleierung entschleiert für uns heute nichts mehr, sondern ist Reminiszenz und damit gefällig. Viele junge Künstlerinnen meinen nun, diesem Dilemma dadurch entgehen zu können, dass sie dem gesamten Entschleierungsprozess seit der Renaissance gewissermaßen eine Neue Verschleierung entgegenhalten, die sie hinter einer Art Klein-Mädchen-Blümchen-Kunst verbergen; gleich so, als könnte frau – in aller Unschuld – wieder aufs Neue verschleiern. Die Blümchentapeten, Puppenstuben, Hirschgeweihe und Alpensilhouetten sind indes pervers wie die Kühe oder Bären, die unsere Städte schmücken, also kurz gesagt: Kitsch … und ob das Bild vom Mädchen mit der Flasche in der Hand auf der Straße tatsächlich ein neues rebellisches Frauenbild darstellt, lasse ich dahin gestellt. Jedenfalls: es gibt der Fallen etliche … und der Wege, tatsächlich noch etwas zu entschleiern… nur sehr wenige. Im Gegensatz hierzu beruht das Subtile in Ihrem Film meines Erachtens in zweierlei. Einerseits handelt es sich hier gerade nicht um eine Allegorie des Mikro-Mythos auf der inhaltlichen Ebene; was die ganze Sache vulgär und im Übrigen völlig unerotisch gemacht hätte. Vielmehr wird man andererseits dazu gebracht, von der inhaltlichen Mikro-Mythos-Assoziation sich gedanklich und sinnlich weg zu bewegen, um nun zur Wahrnehmung dessen zu gelangen, was sich dort tatsächlich abspielt. Hierin liegt meines Erachtens die ganze Stärke des Videos: Der Eros beruht nicht in einer blöden gedanklichen Assoziation, sondern darin, daß man von dem Vorgang gebannt und mitgerissen wird. Dieses In-den-Bann-und-mit-und-hinweg-gezogen-werden, kommt dadurch zum Ausdruck, dass man – wie bei jedem Eros – in die Zeit der Unmittelbarkeit geradezu versetzt wird: Es gibt kein Vorher und kein Nachher mehr, sondern nur noch das Hier und Jetzt („Dürft ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön …“ etc.). – Dabei befindet sich dieses hic et nunc in einer angenehmen Distanzierung: Weder klebt man (wie bei der Pornographie) am Bild (in einer Weise, die den Verstand außer Kraft setzt), noch wird man in seiner Abwehr bestätigt (welche ebenso dazu führen würde, das Bild nicht wahrzunehmen). Vielmehr macht man die Bewegungen mit – in einer Aesthesis entspannten Spannung, die weder aufdringlich terroristisch, noch überspannt langweilig ist. So wird der Betrachter gezwungen mitzugehen: Er wird dazu verführt, sich verführen zu lassen. Die nächste Subtilität beruht darin, dass man zunächst ganz auf das Bild konzentriert ist, und den Ton – gewissermaßen zunächst nur unbewusst – als etwas wahrnimmt, was mit dem Bild gar nichts zu tun hat. Zunächst einmal ist es so, als würden Augen und Ohren getrennt voneinander zwei völlig verschiedene Dinge wahrnehmen. (Vielleicht beruht hierin die alte Verführungskunst der Frauen – in dem Taschenspielertrick: Man konzentriert sich auf A, aber eigentlich gehrt es, ohne das man es mitbekommen würde, um B.) – Irgendwann fällt, in der Wahrnehmung, der Ton in das Bild hinein – aus dem Off gewissermaßen. Die schrillen Mundlaute passen jedoch nicht ins Bild, und diese Verfremdung des Bildes durch den Ton führt den Betrachter zum Bild zurück, indem er nun Sehen möchte, wie diese Laute zustande kommen, was dazu führt, dass er sich nochmals ganz anders – nämlich von seinen eigenen Hör- und Sehgewohnheiten entfremdet – auf das Bild konzentriert und damit erst anfängt … zu sehen! Es bleibt also spannend und die Spannung wird durchgehalten; fast könnte man in der Filmschleife sich wie ein Derwisch in einen Rausch drehen… würde man nicht gnädig entlassen. Irgendwann kam dann der Titel – und wenn ich das oben gesagte Revue passieren lasse, muss ich zugeben: Extrem gut gewählt! Jedenfalls: Ich habe mich 03,30 min. selbst vergessen – was eine Glanzleistung, denn man wird nun schwer und ach zu selten für eine Sekunde von sich selbst erlöst … und niemals freiwillig (wenngleich Odysseus sich freiwillig anketten ließ… aber der war ein Held). Also: mein Kompliment! Die ganze Veranstaltung wird sämtlichen minimalistischen Anforderungen gerecht: ein schönes Konzept, welches durch die Sinnlichkeit, wie ein Theorema, begriffen wird – eine Aesthesis. Mit herzlichen Grüßen Constantin Rauer Constantin Rauer ist Philosoph. Von ihm erschienen u. a. „Wahn und Wahrheit. Kants Auseinandersetzung mit dem Irrationalen.“ Berlin, Akademie Verlag 2007. Derzeit arbeitet er an dem Versuch einer Erklärung für die Entstehung der Zivilisation (Religion, Kunst und Geschichte) in der jüngeren Altsteinzeit - 40000 bis 14000 vor heute. |
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