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Das Lied der Sirene
von Angela Tiefenthaler

Da steht eine Frau mit langem zusammengeknoteten Haaren und schaut dir direkt ins Gesicht. Sie trägt einen schwarzen
Rollkragenpullover und hat vor sich ein Mikrofon stehen. Im Hintergrund sind lediglich ein paar technische Gerätschaften
zu erkennen, ansonsten monotones Weiß. Langsam und stetig beginnt sie den Kopf des Mikrofons mit ihren Lippen zu
berühren.
Sie schließt die Augen und tastet sich mit ihrem Mund weiter vor, bis das gesamte Gerät mit ihren Lippen umschloßen ist.
In einer lust- und antriebslosen Gestik erzeugt die stete Bewegung der Protagonistin so in Rückkopplung mit den
Lautsprechern eine Geräuschkullisse, die bei der ZuschauerIn erst nach und nach mit dem Geschehen auf der Leinwand in
direkten Zusammenhang gebracht werden kann. Der Mundraum der jungen Frau schafft so im Verlauf der Handlung einen
sehr sphärisch aber auch unangenehm schreienden Klang. Drei Minuten später erlischt der hohe Ton langsam, sie nimmt
ihren Mund vom Mikrofon und schaut ein letztes Mal direkt in die Kamera. Aus.


Die hier beschriebene Performance ist Inhalt eines von Freya Hattenberger zum rampenfiber- Filmwettbewerb eingereichten
Videos, das sie 2006 im Zuge ihrer Diplomarbeit an der Kunsthochschule für Medien in Köln umgesetzte. Schon im Titel
 – Sirene – klingt die Vielschichtigkeit der Arbeit an. In Bezug auf die griechisch mythologischen Gestalten, die durch ihr
Singen Seefahrer anklocken und daraufhin töten, setzt sich Freya Hattenberger mit stereotypen Frauenbildern in einer durch
die Bühnentechnik versiert modernen Adaptierung auseinander. Auf einer sehr simpel gehaltenen Ebene bringt sie so
althergebrachte Weiblichkeitszuschreibungen, wie dem des männerverschlingenden Monsters, mit der Schwierigkeit von
Frauen auf der Bühne oder auch in Verbindung mit Technischem, ernstgenommen zu werden zusammen.

Vorallem diese Einfachheit macht die spezielle Qualität ihrer Arbeiten aus, und erzeugt mit der „unanständigen“ Handlung als
Bruch dieses Bildes eine besondere Dynamik und Tiefsinnigkeit. Durch die Vorgabe einer etwas unbeholfenen Herangehensweise
werden die ZuseherInnen aus ihrer scheinbar objektiven Stellung genommen und durch die Beklemmung, die die blowjob ähnliche
Gebärde ausgelöst, in die Bredouille genommen

Freya Hattenberger stellt sich in ihrer künstlerischen Arbeiten selbst ins Zentrum und wird so als alleiniger Gegenstand im Bild
allen Blicken ausgeliefert, die sie durch die Lust am Schauen ebenso zum Objekt der Begierde stilisieren. Diese erotische
Komponente hintergeht sie aber durch ihr anzügliches Verhalten als auch die unangenehm von ihr erzeugte Geräuschkullisse.
Das Publikum kann so in keine voyeuristische Zurückgelehntheit verfallen, sich keinem bekannten Bild hingeben.


Indem sich die Künstlerin selbst ins Bild hinein nimmt, hinterfragt sie so auch ihre eigene Rolle als Frau und Künstlerin, die
vorallem im Kontext bildender Kunst stark mit dem weiblichen Sterotyp der Muse verbunden ist. Auch wenn bildende Kunst auf
den ersten Blick wenig mit Popkultur zu tun zu haben scheint, so eröffnen sich doch durch solche Arbeiten in ähnlicher Art und
Weise neue selbstbemächtigte Spielräume für feminisitische Kritik und gesellschaftsverändernde Herangehensweisen.





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